FortgeschrittenTor und Zugang
Onion-Routing Schritt für Schritt erklärt
Wie Onion-Routing technisch funktioniert: Schaltkreise, Schlüsselaustausch, Verschlüsselungsschichten, Pfadauswahl und die Grenzen des Verfahrens.
Redaktion Darknet KompassAktualisiert am 5 Min. Lesezeit
Das Wichtigste in Kürze
- Tor baut für deine Verbindung einen Schaltkreis (Circuit) aus drei Relays auf und handelt mit jedem einen eigenen Schlüssel aus.
- Daten werden in drei Schichten verschlüsselt; jedes Relay entfernt genau eine und kennt nur Vorgänger und Nachfolger.
- Bei der Pfadauswahl gelten Regeln: keine zwei Relays aus demselben Netzbereich oder derselben Betreiberfamilie.
- Tor schützt nicht gegen einen Angreifer, der Ein- und Ausgang einer Verbindung gleichzeitig beobachten kann.
Inhalt
Beim Onion-Routing werden Daten in mehrere Verschlüsselungsschichten verpackt und über eine Kette von Servern geschickt. Jeder Server entfernt eine Schicht und erfährt nur, von wem er die Daten bekommen hat und an wen er sie weitergeben soll. So kennt keiner von ihnen den gesamten Weg. Tor nutzt dafür drei Server, sogenannte Relays.
Die Bausteine
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Relay | Ein Server im Tor-Netzwerk, der Daten weiterleitet |
| Konsens | Die stündlich aktualisierte, signierte Liste aller Relays mit ihren Eigenschaften |
| Schaltkreis (Circuit) | Ein Pfad aus drei Relays, über den deine Verbindungen laufen |
| Zelle | Ein Datenpaket fester Größe; alle Daten im Tor-Netzwerk werden in Zellen transportiert |
| Stream | Eine einzelne Verbindung, zum Beispiel zu einer Website, die über einen Schaltkreis läuft |
Schritt 1: Die Relay-Liste laden
Beim Start lädt dein Tor-Programm den Konsens: eine Liste aller aktuellen Relays mit ihren öffentlichen Schlüsseln, Bandbreiten und Eigenschaften. Diese Liste wird stündlich von einer kleinen Gruppe vertrauenswürdiger Verzeichnisserver gemeinsam erstellt und signiert. Ein einzelner Verzeichnisserver kann sie deshalb nicht fälschen.
Jedes Relay trägt Kennzeichen, sogenannte Flags. Die wichtigsten:
- Guard: stabil und schnell genug, um als Eingangsrelay zu dienen,
- Exit: erlaubt Verbindungen ins normale Internet,
- Fast und Stable: ausreichend Bandbreite bzw. lange Laufzeit.
Schritt 2: Den Pfad wählen
Dein Tor-Programm wählt drei Relays aus – gewichtet nach Bandbreite, damit schnelle Relays häufiger genutzt werden. Dabei gelten Regeln, die verhindern sollen, dass ein einzelner Betreiber zwei Positionen besetzt:
- Kein Relay kommt im selben Pfad zweimal vor.
- Keine zwei Relays derselben Familie – also desselben Betreibers, der seine Relays als zusammengehörig kennzeichnet.
- Keine zwei Relays aus demselben IPv4-Netzbereich (/16), weil sie oft beim selben Anbieter stehen.
- Das erste Relay muss ein Guard sein, das letzte muss die gewünschte Verbindung laut seiner Exit-Richtlinie erlauben.
Das Eingangsrelay wählt Tor nicht jedes Mal neu, sondern bleibt über Monate bei denselben bevorzugten Guards. Mehr dazu im Artikel Tor-Relays: Guard, Middle und Exit erklärt.
Schritt 3: Den Schaltkreis Stück für Stück aufbauen
Tor baut den Schaltkreis schrittweise auf, man spricht vom „teleskopartigen“ Aufbau:
- Dein Programm verbindet sich mit dem Guard und handelt mit ihm per Schlüsselaustausch einen gemeinsamen Schlüssel aus.
- Durch diese verschlüsselte Verbindung bittet es den Guard, den Schaltkreis zum mittleren Relay zu verlängern, und handelt mit diesem einen zweiten Schlüssel aus. Der Guard leitet nur weiter und erfährt diesen Schlüssel nicht.
- Auf dieselbe Weise wird der Schaltkreis zum Exit-Relay verlängert, mit einem dritten Schlüssel.
Am Ende besitzt nur dein Rechner alle drei Schlüssel. Jedes Relay kennt nur seinen eigenen. Die Schlüssel sind kurzlebig: Wird ein Relay später gehackt, lassen sich aufgezeichnete alte Verbindungen damit nicht entschlüsseln (Forward Secrecy).
Schritt 4: Daten in Schichten verschlüsseln
Wenn du jetzt eine Website aufrufst, verpackt dein Rechner die Anfrage dreifach:
Verschlüsselt mit Schlüssel 1 (Guard)
└── Verschlüsselt mit Schlüssel 2 (Middle)
└── Verschlüsselt mit Schlüssel 3 (Exit)
└── Deine Anfrage an die Website
- Der Guard entfernt die äußere Schicht und sieht nur: „weiter an das mittlere Relay“.
- Das mittlere Relay entfernt die zweite Schicht und sieht: „weiter an das Exit-Relay“.
- Das Exit-Relay entfernt die letzte Schicht und schickt die Anfrage an die Website.
Die Antwort der Website läuft den umgekehrten Weg: Jedes Relay fügt eine Schicht hinzu, und erst dein Rechner entfernt alle drei.
Alle Daten werden dabei in Zellen gleicher Größe transportiert. Ein Beobachter kann deshalb an der Größe einzelner Pakete nicht erkennen, was übertragen wird.
Schritt 5: Schaltkreise wechseln und trennen
- Zeitlicher Wechsel: Für neue Verbindungen nutzt Tor einen Schaltkreis standardmäßig etwa zehn Minuten lang, dann baut es einen neuen.
- Trennung nach Website: Der Tor Browser gibt jeder Website, die du in der Adressleiste aufrufst, einen eigenen Schaltkreis. So landen deine Besuche bei verschiedenen Seiten nicht über dasselbe Exit-Relay.
- Manueller Wechsel: Über „Neuer Tor-Kanal für diese Seite“ erzwingst du einen neuen Weg; „Neue Identität“ schließt alle Tabs und setzt den Browser zurück.
Was jedes Relay weiß
| Relay | Kennt deine IP | Kennt das Ziel | Sieht den Inhalt |
|---|---|---|---|
| Guard | Ja | Nein | Nein |
| Middle | Nein | Nein | Nein |
| Exit | Nein | Ja | Nur ohne HTTPS |
Die Grenzen des Verfahrens
Onion-Routing verbirgt, wer mit wem spricht. Es hat aber klare Grenzen, die das Tor Project selbst offenlegt:
- Korrelation von Ein- und Ausgang: Wer den Datenverkehr am Guard und am Exit gleichzeitig beobachten kann, kann ihn über Zeitpunkte und Datenmengen zuordnen. Tor schützt ausdrücklich nicht gegen einen Angreifer, der große Teile des Internets überwacht.
- Bösartige Exits: Ein Exit-Relay sieht unverschlüsselten Verkehr. Ohne HTTPS könnte es Inhalte mitlesen oder verändern.
- Fehler der Nutzer: Anmeldungen, Metadaten oder außerhalb des Browsers geöffnete Dateien hebeln den Schutz aus.
Wie Angreifer versuchen, Tor-Nutzer zu enttarnen, beschreibt der Artikel Wie Deanonymisierung funktioniert.
Onion-Dienste: sechs statt drei Relays
Bei Onion-Seiten gibt es kein Exit-Relay. Stattdessen bauen beide Seiten je einen Schaltkreis zu einem Treffpunkt auf. So bleibt auch der Server verborgen, und die Verbindung ist durchgehend verschlüsselt. Den Ablauf beschreibt Onion Services: So funktionieren .onion-Seiten.
Häufige Fragen
Wie oft wechselt Tor den Schaltkreis?
Für neue Verbindungen nutzt Tor einen Schaltkreis standardmäßig etwa zehn Minuten lang. Bestehende Verbindungen bleiben auf ihrem Schaltkreis. Im Tor Browser bekommt außerdem jede Website ihren eigenen Schaltkreis.
Warum genau drei Relays?
Drei sind das Minimum, damit kein einzelnes Relay Absender und Ziel kennt und auch zwei zusammenarbeitende Relays nicht automatisch beides sehen. Mehr Relays würden die Verbindung verlangsamen, ohne gegen die wichtigsten Angriffe wesentlich mehr Schutz zu bieten.
Kann das Exit-Relay meine Daten lesen?
Es sieht den Datenverkehr so, wie er ins normale Internet geht. Ist die Verbindung zur Website mit HTTPS verschlüsselt, sieht es nur die Zieladresse, nicht den Inhalt.
Quellen
- Tor SpecificationsPath selection constraints abgerufen am 20.10.2026
- Tor SpecificationsCircuit Creation, Entry Guard Selection abgerufen am 20.10.2026
- Tor ProjectTor Project: History abgerufen am 20.10.2026
- MIT, Kurs 6.858 (Kopie des Originalpapiers)Tor: The Second-Generation Onion Router (Dingledine, Mathewson, Syverson, USENIX Security 2004) abgerufen am 20.10.2026
- Tor Project CommunityTypes of relays on the Tor network abgerufen am 20.10.2026
Redaktion
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Zuletzt aktualisiert am 20. Oktober 2026